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Überlegungen eines Anwalts zu Mediation und ADR

Heute kommt mein Netzschnipsel aus Frankreich:

Quelle: Réflexions d’un Avocat devenant Médiateur – Quels sont les avantages de recourir à une médiation ?

Photo by Susanne Jutzeler on Pexels.com

Ein dort ansässiger Anwalt (früher hätte ich Kollege geschrieben, aber nachdem ich meine Anwaltszulassung nun seit über einem Jahr freiwillig zurückgegeben habe geht das nun eben nicht mehr) denkt laut über seinen Beruf und seine Berufung nach – und er fächtert die ganze Bandbreite auf, von der juristischen Sicht auf die Dinge und dem Unterschied zwischen juristischem und „normalem“ Denken bis hin zur Frage, wer in dem System der Konfliktlösung welche Rolle inne hat und wie die Rollen ausgefüllt sind.
Natürlich sind daneben auch die soft skills, wie ich sie nennen möchte: Die Kosten für die anwaltliche Tätigkeit, die Kosten, die der Betrieb einer Anwaltskanzlei mit sich bringt, das Gerichtssystem, die langen Verfahrensdauern, die Insolvenzrisiken und vieles mehr. Dennoch wundert sich der französiche Anwalt, warum Mediation und ADR nicht die Alternativen sind, auf die trotz der Widrigkeiten des „klassischen“ Systems gerne zurückgegriffen wird.

Ich denke, dass das auch darin verhaftet ist, dass wir eben über ein ausgeklügeltes Rechtssystem verfügen, in dem das Verfahrensrecht und das materielle Recht die Richtung vorgibt – also etwas, auf was man sich zu verlassen können glaubt.

Dann ist in einem Konflikt durchaus die eigene Situation nicht unbedingt so souverän, dass man das eigene Schicksal gerne und selbstbewusst in die Hände nehmen will.

Letztlich gibt es auch innerhalb eines Konfliktes auch strukturelle Unterschiede, die überwunden sein müssen oder wollen: Angefangen von der gelebten Rollenverteilung in der konkreten Ehe oder nichtehelichen Lebensgemeinschaft, tatsächlich gelebter, oder erlebter oder so empfundener Über- und Unterordnung über die unterschiedliche Verteilung von Kräften im Mieter-/Vermieterkonflikt bis hin zu arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen.

Es gehört also einiges dazu, wenn man selbstbewusst den Schritt außerhalb der bewährten Pfade wählt. Dabei reichen die allseits bekannten Verlockungen nicht aus: Kostenargument, Zeitargument, am Ende auch eine Vereinbarung in Aussicht, die so gut ist wie ein Urteil oder Beschluss…

Es geht vielmehr darum, die Menschen in ihrer Konfliktsituation ernst zu nehmen und sie zu befähigen, diesen Weg der Mediation oder ADR zu gehen – dabei sicherzustellen, dass Verfahren installiert werden, die Ungleichkeiten ausgleichen, dass ein Klima des Hörens und Gehörtwerdens und vor allen Dingen des Ernst-genommen-werdens installiert wird.

Wenn solches gelingt und auch überzeugend vermittelt werden kann, dann braucht sich Mediation oder ein anderes ADR-Verfahren nicht im Wettbewerb mit den klassischen forensischen Verfahren messen.

Klar ist aber auch, und da darf man sich keinen falschen Hoffungen hingeben: Eine gut funktionierende Judikatur auch in zivilrechtlichen Belangen ist ein wesentlicher Grundpfeiler des auskömmlichen Miteinanders in einer demokratisch verfassten Zivilgesellschaft. Und das ist auch gut so. Gleichwohl ist Mediation auch Ausdruck bürgerrechtlicher Selbstbestimmung – und das ist mindestens ebenso wichtig.

Von Roland Hoheisel-Gruler

Volljurist// Mediator // Dipl. Forstwirt (univ.)//Hochschullehrer