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„Spektrum der Wissenschaft“ über Lügen – was hat das mit Mediation zu tun?

Je schwerer eine falsche Aussage fällt, desto mehr spiegeln die eigenen Bewegungen unbewusst die des Gegenübers. Das hat eine Untersuchung herausgefunden, wie das Spektrum der Wissenschaft in einem Artikel schreibt:

Quelle: Lügen zeigt sich in Mimikry – Spektrum der Wissenschaft

Nun mag man sich ja der Hoffnung hingeben, dass die Zeiten der alternativen Fakten zumindest in der Tagespolitik der Vergangenheit angehören dürften. Aber der Umgang mit Wahrheiten spielt natürlich auch in Konfliktsituationen eine nicht unerhebliche Rolle.

Photo by Mikhail Nilov on Pexels.com

Gerade wenn es um die Konfliktergründung geht, ist von entscheidender Bedeutung, dass die Konfliktparteien ihre eigene Sicht der Dinge offenlegen und für diese Sichtweise zumindest ein Verständnis hergestellt werden kann. Nur so lassen sich Schnittmengen ergründen, auf die eine Konfliktlösung aufgebaut werden kann.

Wenn also nun die eigene Sicht der Dinge und die eigene Wahrnehmung einer Konfliktsituation mit Lügen angereichert wird, mag es dafür in erster Linie vielleicht Gründe geben: Sei es Eigenschutz, Angst oder sonst eine innere Ursache, die von der Offenlegung der eigenen Sicht ablenken soll. Dies kann aber schwierig werden, denn so baut das Konfliktlösungsverfahren im Erfolgsfalle einer Lüge auf falschen Voraussetzungen auf.

Mit fortschreitendem Verfahren dürfte es aber zunehmend schwierig werden, an der einmal gewählten Version festzuhalten – spätestens dann, wenn die hinter den Positionen liegenden Bedürfnisse verhandelt werden sollen.

Wie kann man also in einem Mediationsverfahren mit so einer Situation umgehen?

Der oben zitierte Artikel ist hierbei hilfreich: Mediation und ADR sind kommunikationsbasierte Konfliktlösungsintstrumente. Das bedeutet, dass sowohl der verbalen als auch der nonverbalen Äußerung ein großes Gewicht beigemessen wird. Diskrepanzen würden daher auffallen. Die Spiegelung von Aussagen, das Wecken von Verständnissen: All dies würde einen zusätzlichen Stress bedeuten.

Eines ist wichtig: Ein Mediationsverfahren ist kein Verfahren, in dem es darum geht, eine bestimmte Wahrheit zu erforschen. Die Mediationsgespräche sind kein Verhör, weder was die angewandten Mittel noch die damit verfolgten Ziele betrifft. Ein Mediationsverfahren ist eine Möglichkeit, Konflikte kommunikativ zu lösen. Dabei ist Offenheit eine zentrale Voraussetzung. Geschützt wird diese Offenheit durch die Verpflichtung auf Vertraulichkeit und Verschwiegenheit. Was in der Mediationspraxis auf den Tisch kommt, verlässt die Praxis nicht. Darauf kann man sich verlassen. Alternative Fakten („Es gibt kein weiteres Konto“ – „Das Geld war schon längst aufgebraucht“ – „Es gibt keine Nebeneinkünfte“ etc) leiden daran, dass sie nicht geglaubt oder aufgedeckt werden. Wie der zitierte Artikel zeigt, ist der Stress, eine Story aufrecht erhalten zu müssen, sichtbar und messbar.

Damit kann aber ein komplettes Verfahren scheitern: Ein Mediationsverfahren kann jederzeit beendet werden. Erkannte falsche Erzählungen würden zu einer Vertiefung des Konfliktes führen, die bis dahin ausgegebenen Kosten für das dann gescheiterte Verfahren wären sprichwörtlich in den Sand gesetzt – und eine sich anschließende gerichtliche Auseinandersetzung wäre von Anfang an durch Misstrauen vergiftet.

Statt dessen kann aber Mediation helfen, die Gründe, die vorgeblich für eine Lügengeschichte sprächen, seinerseits zu thematisieren. Es wird nicht darum gehen, erkannte falsche Storys zu entlarven, aber es wird darum gehen, die Auswirkungen einer ausgedachten Geschichte denen einer anderen ausgedachten Geschichte gegenüber zu stellen. Oder mit Storytelling sich dem eigentlichen Problem annähern, mit was-wäre-wenn-Planspielen und anderen kommunikativen Instrumenten kann es leichter gemacht werden, Lügen in einem solchen Verfahren nicht nur überflüssig zu machen, sondern als Hinderungsgründe für ein gedeihliches und nachhaltiges Lösungsprogramm insgesamt zu ächten.

Wobei wir doch wieder in der großen Politik gelandet sind – oder auch nicht und uns fragen, was der gewesene Präsident und der streitende Nachbarn vielleicht an Gemeinsamkeiten haben…

Von Roland Hoheisel-Gruler

Volljurist// Mediator // Dipl. Forstwirt (univ.)//Hochschullehrer