Häusliche Gewalt und Pandemie

PolizeiGrün hat auf seiner Internetseite einen sehr interessanten Erfahrungsbericht aus polizeilicher und kriminologischer Sicht veröffentlicht.

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Anlässlich des 10.-jährigen Jubiläums der Unterzeichnung der Istanbul-Konvention ist es passend, nochmals hierauf zu verweisen:

Der Artikel weist darauf hin, dass wir es hier mit dem Problem des absoluten Dunkelfeldes zu tun haben, wo es schwierig ist, sowohl Gewalterfahrung als auch Gefährdungssituationen erfassen zu können. Ein interessanter Ansatz ist daher, die Datenqualität bei Vorkommnissen im sozialen Nahbereich deutlich zu verbessern und zu verbreitern. Dies hilft zwar den aktuell Betroffenen erst einmal wenig. Allerdings kann eine Auswertung mit Hilfe von standardisierten Risikobewertungsinstrumenten hilfreiche Anhaltspunkte geben.

Letztlich darf nicht vergessen werden, dass auch hier gefahrenabwehrrechtliches Handeln der Polizei und die strafrechtliche Aufarbeitung von Gewalt im sozialen Nahbereich Hand in Hand mit weiteren Instrumenten gehen: Zu nennen wäre hier in erster Linie der zivilrechtlich zu verortende Gewaltschutz mit einem schlanken und dennoch wirksamen Verfahren.

Sowohl polizeiliche als auch zivilrechtliche Bearbeitung von solchen Fällen bedarf aber der doppelten Nachbearbeitung: Zum Einen für eine standardisierte und bedarfsorientierte Datenerhebung und Weiterverarbeitung, aber auch gerade für die von Gewalt betroffenen Menschen: Eine Rückkehr ins Leben vor der Gewalterfahrung ist in vielen Fällen die Regel, Rückfallgefahren sind groß. Die Aussagebereitschaft der Opfer dürfte in der Regel daher mit Zeitablauf abnehmen. Eine Begleitung muss daher sicherstellen, dass die Brücke zu den professionellen Hilfsangeboten nicht nur geschlagen, sondern dass diese auch begangen wird. Dazu hin muss die Lösung aus einer gewaltbasierten Verstrickung in einem unheilvollen Zusammenleben gelingen.

Gerade aber die Erfahrungen nach einer Gewalterfahrung und das Sich-Neu-oder-Wieder-Zurechtfinden in der vertrauten oder neuen Umgebung braucht Begleitung und Unterstützung – und die Sicherheit, dass es jemanden gibt auf den oder die man sich im Ernstfall – und schon davor – auch wirklich verlassen kann.

Und am Ende muss es darum gehen, dass ein Klima, in dem auch die häusliche Gewalt nicht nur geächtet wird, sondern auch mehr als nur ein Tabu-Thema bildet, geschaffen werden. Hier sind viele gefordert: Neben professionellen Einrichtungen können gerade auch Personen aus dem sozialen und familiären Umfeld eine wichtige Stütze sein.

Aber auch dafür muss das Problem sichtbar sein und sichtbar gemacht werden. In den Zeiten der Pandemie mit dem Rückzug der Einzelnen aus öffentlich wahrnehmbaren Räumen wird es schwierigen. Das betrifft auch den Zugang zu Vertrauenspersonen. Denn diese gilt es, bei der Resilienz der Betroffenen verfügbar zu machen. Allerdings muss auch gerade hier darauf geachtet werden, dass dies verantwortungsvoll geschieht: Gut gemeinte Ratschläge oder vermeintliche Hilfestellungen können schnell konfliktverschärfend und letztlich gewaltbeschleunigend wirken, wenn die Rollen nicht geklärt sind und Partei-Ergreifen den Konflikt eskalieren und verhärten lässt.

Der Artikel zeigt eindrücklich, dass gerade in der Pandemie mit den beschränkten Möglichkeiten, einander aus dem Weg zu gehen oder auch (richtigen und nicht nur virtuellen oder telefonischen) Kontakt mit anderen Menschen zu pflegen, dazu führen kann, dass Konflikte in diesem engen Nahbereich über kein Ventil mehr verfügen, über das der Druck abgelassen werden kann. Möglichkeiten, schon im Vorfeld einer Zuspitzung gegebenenfalls über externe Hilfeangebote die Konfliktlage zu lösen oder lösungs- und interessenorientiert zu arbeiten, fallen weg. Die wechselseitige Vereinsamung auf engstem Raum führt dann in die beschriebenen menschlichen Katastrophen.

Veröffentlicht von Roland Hoheisel-Gruler

Volljurist// Mediator // Dipl. Forstwirt (univ.)//Hochschullehrer

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