Wolfsabschuss in Brandenburg: Jäger freigesprochen – Konfliktlinien zwischen Naturschutz und Mensch

Ein Jäger erschoss auf einer Jagd in Brandenburg einen Wolf.

Die StA klagte ihn deshalb wegen Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz an.

Photo by Vincent M.A. Janssen on Pexels.com

Dieser Wolf hatte, so die Feststellungen des Amtsgerichts, die Jagdhunde des Jägers angefallen gehabt.

LTO berichtet hier:

Quelle: Wolfsabschuss in Brandenburg: Jäger freigesprochen

über das Verfahren.

In dem Artikel der LTO wird der Sprecher des Deutschen Jagdverbandes, Torsten Reinwald, zitiert. Dieser hat dem Bericht zufolge sich gegenüber dpa schon vor der Verhandlung wie folgt geäußert:

„Die Frage ist doch, was ist mehr wert: ein Hund, als Familienmitglied, der jahrelang ausgebildet worden ist? Oder ein Wolf?“

Der Hintergrund ist ein rechtlicher:

Wölfe sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Dieser Schutz basiert auf europäischem Artenschutzrecht. Den Jagdverbänden ist daran gelegen, dass Wölfe auf die Liste der jagdbaren Tiere, wie sie in § 2 BJagdG aufgeführt sind, aufgenommen werden. Damit könnten sie auch einen entsprechenden Schutzstatus genießen, würden dann aber in die Zuständigkeit der Jagdbehörden fallen.

Hinter dem rechtlichen Streit offenbart sich noch eine weitere Konfliktlinie – die aus der Haltung des Sprechers des DJV entspringt. Ihm geht es um einen Wert – letztlich um eine Monetarisierung – eines Tierlebens. Bei der Frage, was mehr Wert hat – das Haustier oder das Wildtier – schwingt sehr viel davon mit, was bei erster Betrachtung zunächst Unbehagen verursacht. Abgewogen wird ja nicht nur Tier gegen Tier, sondern das Framing setzt „Familienmitglied“ gegen „Bestie“. Neben naturethischen Fragen geht es hier auch darum, wie auf das Verhältnis Natur-Mensch geschaut wird und auf welchen Wegen hier Probleme formuliert und Lösungen erarbeitet werden.

Solche Konfliktlinien lassen sich nämlich nicht in Gerichtsentscheidungen, schon gar nicht in solchen wie der hier zitierten lösen. Strafrechtlich relevant war nämlich hier die Frage, ob der Jäger in diesem konkreten Fall aufgrund der Nothilfesitutation nicht rechtswidrig gehandelt hat – oder doch. Hier kam das Gericht nach der Beweisaufnahme zu dem Ergebnis, dass die Jagdhunde gegen den Angriff verteidigt werden durften. Es ist aber nicht gesagt, dass der nächste Schuss auf einen Wolf das gleiche Ergebnis vor Gericht zeitigen kann.

Deswegen bedarf es – und das zeigt auch das Statement des Sprechers des DJV – einer tiefgehenden Konfliktlösungsstrategie, in der nicht nur Statistiken, Zahlen und objektive Fakten verhandelt werden, sondern eben auch die dahinter stehenden Haltungen. Sie müssen offengelegt und diskutiert werden. Die daran anknüpfenden ethischen Fragen müssen offen ausgesprochen werden. Erst dann können Lösungsansätze gelingen, die auch in der jeweiligen Gruppe Akzeptanz finden können. Jäger:innen, Naturschützer:innen, Tierhalter:innen, Erholungssuchende: Mit den verschiedensten runden Tischen hat man bereits erste gute Erfahrungen gemacht. Mit dem weiteren Vordringen des Wolfes und mit seiner Rückkehr nach Mitteleuropa ist daher ein weiteres Kapitel einer multidimensionalen Konfliktlösungsstrategie aufgeschlagen:

Man kann dieses Thema mit mediativen Techniken angehen – oder mit der Büchse, wie jetzt vor der Wahl aus der Politik zu vernehmen war.

Für ersteres spricht, dass es eine nachhaltige Akzeptanz in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und von der Ausbreitung betroffenen Naturnutzenden geben kann, für letzteres spricht – ausser das jedem von uns innewohnede Trauma seit „Rotkäppchen“ und „Die sieben Geißlein“ eigentlich wenig.

Veröffentlicht von Roland Hoheisel-Gruler

Volljurist// Mediator // Dipl. Forstwirt (univ.)//Hochschullehrer

%d Bloggern gefällt das: