Michelangelo und die Mediation

Kürzlich habe ich in einem anderen blog-Beitrag von einem Kollegen gelesen, der seine Methode Michelangelo-Mediation genannt hat.

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Nun war dieser Beitrag auch von einer typisch anglo-amerikanischen Sicht auf die Mediation als Teil eines nach dortigen Regeln ablaufenden Moderationsprozesses als auf Mediation als eigenständiges Konfliktlösungsintstrument geprägt. Gleichwohl ist es interessant, sich mit diesen Thesen näher zu befassen.

Im Kern vergleicht der Autor den Mediationsprozess mit dem bildhauerischen Werk: Michelangelos David war demzufolge bereits im dem Marmorblock angelegt, es bedurfte des Künstlers, um ihn freizulegen. Das geschah – unter Bezugnahme auf ein Zitat, das Michelangelo zugeschrieben wird – dadurch, dass dieser eben alles, was nicht zu David gehörte, weggeschlagen habe.

Auf den Mediationsprozess bezogen bedeutet dies, dass alles, was nicht dazu gehört, aus diesem Prozess entfernt werden soll – und dass dieses Vorgehen eben auch zwischen den Mediant:innen vereinbart werden solle.

Das bringt aber meines Erachtens weitere Schwierigkeiten mit sich:

Die Berufung auf eine vereinbarte Spielregel, die sich nicht nur auf Formalia beschränkt, sondern die, um zur Anwendung zu gelangen, sich auch mit dem Inhalt selbst auseinandersetzen muss, ist schwierig. Das Argument: „Das tut hier nichts zur Sache!“ – ist ja gerade das Gegenteil einer kommunikativen Auseinandersetzung.

Darüber hinaus gehört es ja zur Phase der Konfliktklärung, dass nicht nur die Sicht auf das Kernproblem, sondern auch dahinter stehende Konfliktlinien offenbar werden.

Etwas anderes ist es nur dann, wenn Themengebiete angesprochen und eingegrenzt werden und dann eine vereinbarte Agenda der Abarbeitung angegangen wird. Dann aber geht es auch nicht darum, hier auf das Wegschlagen des Nicht-Dazugehördenden zu rekurrieren, sondern bei Bedarf die sich vielleicht bei einer Konfliktpartei offenbarende Abweichung hiervon zu thematisieren und zu kanalisieren.

Das führt nicht unbedingt zu einer Beschleunigung des Verfahrens: Aber gerade bei der Mediation muss die Gründlichkeit Vorrang genießen, damit das Ergebnis nicht nur tragfähig ist, sondern ein Gesamtwerk, bei dem alle Beteiligten sich wiederfinden.

Der eigentliche Unterschied aber ist ein anderer: Michelangelo wusste, was er dem Marmorblock zu entlocken trachtete und verfolgte diesen einen Plan der Herausarbeitung seiner Vorstellungen.

Mediation ist aber ein offener Prozess – und ob sich aus dem Marmorblock am Ende ein „David“ oder ein „Mose“ zeigen wird, das wissen zu Beginn weder Mediator, noch Medianten. Dafür haben alle Beteiligten ihre Werkzeuge selbst in der Hand – und der Mediator hat dafür zu sorgen, dass die vereinbarten Abläufe und der Mitteleinsatz ebenso eingehalten werden, wie dass die Kommunikation zwischen den Medianten auch funktioniert und die Ebenen, auf denen der Austausch stattfindet, ausgewogen und in alle Richtungen durchlässig sind und bleiben. Nicht der Mediator ist der Künstler – er ist allenfalls der Mittler.

Veröffentlicht von Roland Hoheisel-Gruler

Volljurist// Mediator // Dipl. Forstwirt (univ.)//Hochschullehrer

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