„Früher war es besser!“ – Vom Umgang mit Erinnerungen in der Mediation

Ein Kernanliegen in der Mediation ist es, den Blick in die Zukunft zu richten und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. So zieht es sich durch alle Handreichungen, wenn es darum geht, Konflikte lösungsorientiert anzugehen.

rosy retrospection

Doch tatsächlich findet eine Bewertung von Zukunftsentscheidungen meist vor dem Hintergrund statt, dass Erfahrungswissen aus der Vergangenheit mit einfließt. Dabei ist zu beobachten, dass der aktuelle Konfliktin seiner Belastung überhöht, die „besseren Zeiten aus der Vergangenheit“ aber verklärter wahrgenommen werden.

Gerade bei Streitigkeiten mit einem hohen Anteil an Emotionalität, wie wir sie beispielsweise in familiären Kontexten wie Trennung und Scheidung oder Erbschaftsauseinandersetzungen kennen, oder aber auch bei Nachbarschafts- und Mieter:innen/Vermieter:innenstreitigkeiten geht es gerade um mehr als nur um die Sachfragen.

Da kann die Erinnerung, als der Konflikt noch nicht virulent war, zur Verklärung der Vergangenheit beitragen und eine Sehnsucht an die Zeit vor dem aktuellen Konflikt befördern.

Doch ist es tatsächlich so? Die Sehnsucht nach der Vergangenheit, in der angeblich alles besser war, kann eine trügerische sein. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen „Rosy retrospection bias“ – also eine Verzerrung, die durch die rosarote Brille bei der Rückschau entsteht.

Eine gute Darstellung dieses Phänomens findet sich hier:

Quelle: Rosy retrospection – Biases & Heuristics | The Decision Lab

Was hat dies nun mit Mediation zu tun? Eingangs findet sich ja die These, dass eine der Stärken dieser Konfliktlösungsmethode darin besteht, dass nicht zurück, sondern in die Zukunft gerichtet gearbeitet werden soll.

Gleichwohl droht auch hier diese Verzerrung mit dem verklärten Blick zurück: Denn wenn es darum geht, die Bedürfnisse zu ergründen und diese hinter den vertretenen Positionen im aktuellen Konflikt herauszuarbeiten, besteht die Gefahr, dass genau diese Verzerrungen die Bedürfnislage nicht unerheblich beeinflussen könnten. Dabei sprechen wir ja gerade deswegen von Verzerrungen, weil die Realität, die die Bedürfnisse mit prägen soll, in Wirklichkeit gar nicht so rosig war, wie angenommen.

Will man also bei der Konfliktklärung und der sich anschließenden Ermittlung der Bedürfnisse nicht durch eine rosa-bebrillte Rückschau auf unsicheres Terrain leiten lassen, hilft nur, die jeweiligen Aussagen zu den Punkten auch zu hinterfragen und abzusichern.

Hierbei zeigt es sich wiederum, dass Mediation als kommunikationsbasiertes Konfliktlösungsinstrument eben auch geeignet ist, Reflexion und Selbstreflexion kritisch und fundiert in den Lösungsprozess mit einzubringen und letztlich auch durch Hinterfragen von Positionen und Bedürfnissen dann den Blick nach vorne richten zu können.

Veröffentlicht von Roland Hoheisel-Gruler

Volljurist// Mediator // Dipl. Forstwirt (univ.)//Hochschullehrer

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