Achtsamkeit in der Mediation

Achtsamkeit – oder mindfulness – ist zu einem Modewort geworden, dem der Ruch von Esoterik und Bewusstseinserweiterung anhaftet. Weil gerade in der Mediation das Thema der Achtsamkeit eine besondere Rolle spielt, ist nachstehender Artikel eine gute Quelle, um einen Überblick darüber zu bekommen, was mit Achtsamkeit gemeint ist – und was nicht:

Quelle: What Mindfulness Is Not – The Best Brain Possible

In der Tat wird vieles auf dem Bewusstseinsmarkt unter dem Label von „Achtsamkeit“ oder „mindfulness“ feilgeboten – und nicht alles hält, was es verspricht.

achtsamkeit

Im Zusammenhang mit Mediation betrifft diese Thematik in erster Linie die Mediator:innen. Bei Mediation als kommunikationsbasierter Konfliktlösungsunterstützung ist ja die Rolle der Mediator:innen nicht diejenige von Schiedsrichtern oder Schlichter:innen. Vielmehr geht es darum, einen Kommunikationsprozess zwischen den Mediant:innen in Gang zu bringen und dann auch in Gang zu halten. Die Schwierigkeit, die sich hierbei stellt ist, dass sowohl die Kommunikationswege als auch das wechselseitige Vertrauen in der Regel gestört oder schwer beeinträchtigt ist. Deswegen weichen Mediant:innen nicht nur auf Chiffren aus, wenn Konfliktfelder benannt werden, sondern nutzen neben der verbalen auch die gesamte Klaviatur der nonverbalen Kommunikation. Hier nun kommt Achtsamkeit ins Spiel:

Unter Achtsamkeit verstehen wir die Konzentration auf das, was gerade geschieht und wie es geschieht. Aufmerksamkeit ist hier der Schlüssel zum besseren Verständnis. Diese Konzentration auf das Wesentliche wie anscheinend Unwesentliche im Kommunikationsprozess blendet folglich alles, was nicht im Moment dazu gehört, aus. Dies hört sich einfacher an, als es ist. Denn im Mediationsprozess kommt es ja gerade darauf an, dass die Phasen bewusst und aktiv durchlebt und gestaltet werden und nicht von einem möglichen Ergebnis her gedacht wird. Die Versuchung, Äußerungen schnell in ein Gesamtkonzept einzuordnen und die vorbereiteten Schubladen im Sinne einer vorgeblich stimmigen Lösung bereit zu halten, ist dementsprechend groß. Das Konzept der Achtsamkeit verlangt aber eine Fokussierung auf das Hier und Jetzt im konkreten Bearbeitungsschritt der Mediation. Aufnehmen – verstehen – spiegeln – in die Kommunikation einführen – rückversichern – weiterarbeiten. Das sind Schritte, die für sich genommen höchste Achtsamkeit und Fingerspitzengefühl verlangen. Wenn das gelingt, dann kann sich auch der stockende Kommunikationsprozess, den ja letztlich der/die Mediator:in unterstützen und aktivieren soll, leichter entwickeln und die Phasen können organischer ineinander fließen.

Achtsamkeit ist den Mediator:innen auch nicht in die Wiege gelegt, sondern muss immer aufs Neue eingeübt werden. Auch kann – bei langer Übung – die Gefahr des bias nicht vernachlässigt werden. Es ist nämlich durchaus möglich, sich selbst als höchst achtsam zu empfinden, dabei aber tatsächlich sich auf den ausgetretenen Pfaden der vorurteilsbeladenen Lösungs-biasse zu bewegen. Deswegen ist eine Selbstreflexion und Rückbesinnung ebenso notwendig wie Supervision. Wenn das gelingt, gelingt daher auch ein achtsamer Umgang mit den Anliegen der Mediant:innen.

Eines zum Schluss: Achtsamkeit ist eines von vielen Werkzeugen in der Werkzeugkiste von Mediator:innen. Achtsamkeit ist keine esoterische Heilslehre. Wer aber solches sucht oder verspricht, ist im mediativen Kontext mit Sicherheit am falschen Platze. Mediation ist ein Verfahren, um Konflikte lösbar und handle-bar zu gestalten und aufzulösen. Damit kann das im Moment bestehende Problem zwischen den Mediant:innen gelöst werden – nicht mehr aber auch nicht weniger. Für die Mediant:innen ist es vielleicht von erheblicher oder gar lebenswichtiger Bedeutung. Darüber hinaus geht die Welt aber weiter ihren Gang. Auch die Erkenntis, dass es nur kleine Mosaiksteine im Fluss des Lebens sind, die hier betrachtet werden, ist eine Form von Achtsamkeit: und sie schützt letztlich vor sonstigen Heilsversprechen oder Machtphantasien, denen man sonst in diesem Kontext auch begegnen kann.

Veröffentlicht von Roland Hoheisel-Gruler

Volljurist// Mediator // Dipl. Forstwirt (univ.)//Hochschullehrer

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