Archiv der Kategorie: Versorgungsausgleich

Die Wahrheit über Mediation: Missverständnisse

Ich habe bereits hier schon einmal auf den lesenswerten Artikel: „Die Wahrheit über Mediation in Familiensachen“ aufmerksam gemacht.

Quelle: The Truth About Divorce Mediation

Wenn man über die Wahrheit schreiben will, dann muss man zunächst mit Missverständnissen aufräumen. Und da sind wir schon mittendrin im Mediationsprozess.

Mediation ist eine Technik, die es erlaubt, Konflikte zu lösen, indem verschiedene Mittel und Techniken aus der Kommunikationswissenschaft angewendet werden, um das Sender-Empfänger-System zwischen den Medianten wieder so herzustellen, dass sie befähigt werden, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der Kommunikation einen Konflikt zu erörtern und dann letztlich auch zu lösen.

Missverständnisse sind dabei die Hürden, die einer kommunikativen Lösung im Wege stehen. Die Konfliktparteien müssen daher quasi lernen, in einer gemeinsamen Sprache zu sprechen, Punkte die angesprochen werden so klar zu benennen, dass eindeutige Definitionen gefunden werden. Missverständnisse hingegen kommen daher, dass von verschiedenen Standpunkten auf die selbe Sache geschaut wird und dann standortsabhängig unterschiedliche Schlüsse gezogen werden. Wenn nun nur das Ergebnis mitgeteilt wird, ist das Missverständnis vorprogrammiert. Dabei ist es aber wichtig, dass differenziert wird zwischen der jeweiligen Sichtweise, die vom jeweiligen Standpunkt her sich definiert und der eigenen Sichtweise.

Die Überwindung der Missverständnisse verlangt daher nicht die kommentarlose und unvoreingenommene Sichtweise des anderen, sondern es setzt vielmehr die aktive Auseinandersetzung mit dem Andersein der Gegenseite voraus. Wenn so die Differenzen geklärt werden können, können auch Missverständnisse überwunden werden.

Wenn das mal geklärt ist, dann können wir uns in einer nächsten Folge den Missverständnissen widmen, denen man begegnet, wenn man über Mediation redet…..

 

 

Die Mediation ermöglicht eine moderne Sichtweise auf Konfliktbearbeitung und Konfliktvermeidung.

Das ist die Kernaussage, die die französiche Wirtschaftsmediatorin Marielle Planel in einem Interview mit entreprendre.fr getroffen hat:

Quelle: La médiation, « une voie moderne de prévention et de gestion des conflits »

Sie vertritt hierbei die Auffassung, dass gerade eine moderne Sicht auf die Punkte Prävention und Konfliktbearbeitung zwingend notwendig ist. Dies sei der klassischen Strategie, Konflikte dann gegebenenfalls gerichtlich auszutragen, wenn sie aktut geworden sind, vorzuziehen.

Dabei verweist sie darauf, dass Konflikte eben auch schwer sind, belastend wirken können und als Stressfaktoren wirken. Dabei dürfe das in der Regel vorliegende Ungleichgewicht zwischen dann vorherrschenden Zwängen und vorhandenen Ressourcen nicht zu gering geschätzt werden.

Wenn nun aber Mediation schon präventiv eingesetzt wird, dann wird dadurch die für die Konfliktlösung erforderliche Dialogfähigkeit gestärkt. Denn die Mediation selbst löst keine Konflikte, sondern sie ist ein Konfliktlösungsinstrument.

Wenn dies in diesem Sinne verstanden wird, dann wird auch die Rolle des Mediators hierbei klar: Er stärkt bei den Konfliktparteien die Fähigkeiten, sich der eigenen Rolle im Konflikt bewusst zu werden und unterstützt dadurch die Fähigkeit, ein Bewusstsein dafür zu finden, wie der eigene Weg aus dieser Kriser heraus durch kommunikative Instrumente gefunden werden kann.

Dabei ist der Mediator ein wichtiger Mittler zwischen den jeweiligen Positionen und Bedürfnissen der Parteien, und zwar nicht dadurch, dass er selbst den Konflikt schlichtet oder eine Bewertung der Sach- und Rechtslage vornimmt, sondern indem er die Schnittmengen zwischen den Beteiligten ebenso herausarbeitet wie das wechselseitige Verständnis für die tatsächlich oder vermeintlich vorhandene Gegenposition.

Damit löst sich diese Sichtweise auf den Konflikt von der traditionellen, von verfahrensrechtlichen und materiellrechtlichen Positionen geprägten Lösungsstrategie.

 

Fünf Dinge, die man über Mediation wissen muss

Heute empfehle ich den Artikel eines Arbeitsrechtskollegen, nämlich von Anthony Zaller:

Five key items to understand before attending a mediation | California Employment Law Report

Das, was er schreibt, gibt zwar seine Erfahrung aus arbeitsrechtlichen Verfahren und Mediationen wieder, bei genauerer Betrachtung sieht man aber, dass sich diese Erkenntnisse auch auf andere Felder, die mit Mediation beackert werden, ausdehnen lassen.

Er nähert sich dem Mediationsprozess nicht von der gewohnten Seite, er schreibt also nicht zum wiederholten Male die Phasen der Mediation auf und wer darin welche Rolle einnimmt.

Vielmehr eröffnet er seinen Reigen mit der überraschenden Aussage: „Die Rolle des Mediatiors ist, Ihnen zunächst Unbehagen zu bereiten.“ Man wundert sich zunächst, aber es wird klar, worauf er hinauswill: Ein Mediator ist keiner, der einem den Konflikt löst, sondern der einen befähigt, dies selbst in die Hand zu nehmen.

Ob die anzustrebende win-win-Situation sich mit einem „better deal“ wirklich gut abbilden lässt, sei dahingestellt. Vielleicht verstellt aber die Konnotation zum „the world’s greatest deal-maker ever,  aka POTUS“ Donald Trump aus der transatlantischen Perspektive die Sicht auf das, was gemeint ist, nämlich das Ziel, wirklich nicht nur einen deal zu machen, sondern die Bedürfnisse bestmöglich abgestimmt zu befriedigen.

Ein insgesamt lesenswerter Artikel.

 

Transformationsprozesse im Trennungskonflikt – Ansätze für die Mediation

Der Prozess einer Trennung oder Scheidung verläuft auf verschiedenen Ebenen. Dieser Prozess verlangt nach Transformationen, und zwar auf der jeweiligen Ebene, wie aber auch durch Verknüpfungen dieser Ebenen miteinander in einem mehrdimensionalen Gebilde.

Die Mediation als ein ganzheitliches Verfahren erlaubt es nun, diese Ebenen sowohl für sich als auch in ihren Beziehungen untereinander ins Blickfeld zu nehmen, die derzeitigen Zustände zu analysieren und die hierauf basierenden Bedürfnislagen zu artikulieren.

Demzufolge schichten sich diese Ebenen von der betroffenen Person, dem Individuum bis zur Sozialsphäre der Beteiligten.

Auf der individuellen Ebene geht es um die jeweilige Persönlichkeit, wie erlebt sie die Situation der Trennung oder Scheidung. Hierbei ist es wichtig, dass alle Beteiligten hier ihre Sicht ausbreiten und darlegen können und dass zumindest Verständnis für diese Sichtweise geschaffen wird.

Auf dieser Ebnene sollte auch die Wahrnehmung des Erlebens der anderen am Prozess Beteiligten thematisiert werden, insbesondere auch die Wahrnehmung des Erlebens der Kinder.

Darüber legt sich die Paarebene: Dies ist der Punkt, an dem die Paarbeziehung als solche tatsächlich beendet werden kann und dabei trotzdem die über die Beziehung hinausreichenden Bindungen auf dieser Ebene erhalten und stabilisert werden können. Hier muss es auch darum gehen, die Elternebene als Teilmenge der Paarebene zumindest aufrechtzuerhalten.

Über diese Ebene weist dann die Familienebene hinaus. Dabei geht es darum, die Mutter-Kind-Beziehung und Vater-Kind-Beziehung und in diesem Kontext auch die Mutter-Vater-Kind-Beziehung zu thematisieren.

Wenn diese vorangegangenen Ebenen thematisiert sind, bleibt noch die Soziale Ebene übrig. Die Familie hatte sich ja als solche in einem ihr eigenen sozialen Netz befunden, Freundschaften und Bekanntschaften sind geschlossen und gepflegt worden. Hier stellt sich nun die Frage, wie die Entwicklung innerhalb dieser Beziehungen nach draußen nach einer Trennung oder Scheidung weitergehen kann.

Die Mediation kann nun auf diesen unterschiedlichen Ebenen durch die Gesprächsleitung Themen ansprechen und zur Debatte stellen. Dabei ist gerade in dem strukturierten Setting einer Mediation ein Vorteil, dass sowohl eine Beschränkung auf eine jeweilige Ebene möglich ist wie auch die Interaktion zwischen den Ebenen thematisiert werden kann und dass hier auch nach vorne und zurückgesprungen werden kann, ohne dass dies dem Prozess insgesamt abträglich ist.

Hierbei wird entgegen einer rein rechtlichen Betrachtungsweise nach familienrechtlichen Maßstäben deutlich, dass die Vielschichtigkeiten der Betroffenheit sowie die Interaktionen und Auswirkungen auf den verschiedenen Ebenen positive wie negative feedback-Erscheinungen mit sich bringen können. Durch die Verdeutlichung und Visualisierung dieser Verknüpfungen auf den unterschiedlichen Ebenen und zwischen denselben kann dann insgesamt zielgerichtet und lösungsorientiert gearbeitet werden.

Gerade weil die betroffenen und beteiligten Individuen im Mittelpunkt dieses Ebenenmodelles stehen und deren persönliche Interaktion mit den anderen Ebenen thematisiert wird, verbieten sich schematische Lösungen und machen den Weg für eine auf die Bedürfnisse aller Beteiligten gerichteten Regelung der Trennungsfolgen frei.

Mediation Joint Sessions : Für und wider

Ein lesenswerter Blogbeitrag zur Frage, ob man bei Mediation immer in so genannten Joint Sessions verhandeln müsse – also ob immer alle Medianten anwesend sein müssen.
— Weiterlesen www.rudnerlaw.ca/mediation-joint-sessions/

die Argumente dafür und dagegen werden hier sehr gut dargestellt.

Ich denke, dass es im Wesentlichen darauf ankommt, welche Verfahren vereinbart werden. Äußert eine Partei Bedenken an gemeinsamen Sitzungen sind diese zu kommunizieren und auch zu thematisieren – dann kann man flexibel lösungsorientiert arbeiten.

Dabei muss natürlich gewährleistet sein, dass niemand das Gefühl von Absprachen hinter seinem Rücken bekommen kann.

Die Scheidung im Hause Amazon, Mediation, Eheverträge und mehr

Die Kollegin Imogen Powell hat einen weiten Bogen in ihrem Blogbeitrag gespannt:

Quelle: Ian WalkerThe Amazon divorce and the impact of Pre-nuptial Agreements |

Ausgehend von der Scheidung der Eheleute  Jeff and McKenzie Bezos, die als das angeblich reichste Ehepaar der Welt gehandelt wurden, schlägt sie den Bogen bis zum Sinn von vorehelichen vertraglichen Vereinbarungen.

Der Amazon-Gründer und seine Ehefrau hatten in den sozialen Medien verbreitet, dass sie sich über die finanziellen Folgen ihrer Trennung einig geworden seien.

Das ist in der Tat ein guter Ansatz, um an einem solch prominenten Beispiel die Vorzüge einer vertraglichen Vereinbarung zwischen scheidungswilligen Eheleuten darzustellen.

Doch Mediation ist mehr – und vor allem: Sie ist nicht nur dazu da, um bei reichen Menschen das Geld zu verteilen. Hier geht es im Kern um mehr, nämlich, dass ausgehend von den jeweiligen Bedürfnissen der Ehepartner eine Lösung der anstehenden Probnlemstellungen gesucht wird. Was steht zur Verteilung an, wie sieht es mit Vermögenswerten und Schulden aus, wie soll die weitere finanzielle Absicherung gewährleistet sein – und vor allem: Was ist mit den Kindern und wie kann man es schaffen, die Elternebene von der Paarebene zu trennen. Das hilft, auf der Basis der aktuellen Situation den Boden unter den Füßen zu behalten, mit der Vergangenheit abschließen zu können und den Blick nach vorne zu richten.
Mediation ist daher ein vieldimensionales Gebilde, in dem jeder seinen Platz hat und in dem die Konfliktlagen angesprochen und geklärt werden können um dann den Raum für individuelle Lösungen zu bereiten.

Wenn die Kollegin auf die Vorzüge von vorehelichen Verträgen zu sprechen kommt, dann hilft das insofern, als für den Fall der Fälle dann schon frühzeitig Vorsorge getroffen werden kann.

Hierbei muss aber auch das deutsche Recht beachtet werden: Für eine bindende Vereinbarung bedarf es zwingend der notariellen Beurkundung. Darüber hinaus kann es aber auch trotz vertraglicher Bindung dazu kommen, dass wegen der Ausübungs- und Inhaltskontrolle aufgrund bei Vertragsschluss noch nicht absehbarer Entwicklungen eine Nachjustierung notwendig wird.

Von daher empfiehlt es sich, einen Ehe- und Erbvertrag frühzeitig immer dann anzustreben und zu vereinbaren, wenn aufgrund von Konstellationen, die nicht dem Durchschnitt entsprechen, ansonsten Ungleichgewichte drohen. Das kann sein beispielsweise in Patchwork-Situationen, bei zweiter Ehe, größerem Altersunterschied, nichtehelichen Kindern aus anderen Beziehungen etc.

Was in diesem Zusammenhang aber nicht vergessen werden darf ist, dass es immer dann, wenn gemeinsame Anschaffungen auf der Tagesordnung stehen oder ein Kinderwunsch manifest wird, in nichtehelichen Lebensgemeinschaften entweder über eine Eheschließung der Schutz des Familienrechts gesucht wird, oder aber hier einen Vertrag erarbeitet, der die wechselseitigen Verpflichtungen im Falle des Scheiterns regelt.

 

 

PON fragt: Was macht einen guten Mediator aus?

PON: Das steht für Program on Negotiation an der Harvard Law School. In deren blog zu Mediation und alternativen Konfliktlösungsstrategien haben sie die Frage gestellt, was einen guten Mediator ausmache.

Quelle: What Makes a Good Mediator? – PON – Program on Negotiation at Harvard Law School

In diesem lesenswerten Artikel ist bemerkenswert, dass die Medianten in den genannten Befragungen nicht den Eindruck hatten, die Mediatoren hätten eine überaus aktive Rolle gespielt. Etwas flapsig beschrieben als diejeigen, die „das Fenster aufgemacht haben, Kaffee gekocht haben oder die Leute sich haben gegenseitig vorstellen lassen.“

Dahinter verbirgt sich aber auch ein Geheimnis einer guten Mediation: Hier gelingt dem Mediator der Aufbau einer Beziehung zwischen den Medianten, also die Schaffung einer Ebene, auf der die Konfliktparteien sich in der Lage finden, ihr anstehendes Problem wie selbstverständlich einer Lösung zuzuführen. Der Mediator hat natürlich einiges mehr zu tun, als zu lüften und die Parteien mit Heißgetränken zu versorgen. Es geht nämlich darum, einen Kommunikationsprozess so zu führen, dass sich niemand gegängelt oder gedrängt fühlt. Die Schaffung dieser Atmosphäre einer Sicherheit und der Freiheit, entscheiden zu können, macht eine gute Mediation aus.

Damit das gelingt, müssen die Mediatoren die Trüffeln auf dem Weg der Konfliktlösung erschnüffeln und vorsichtig bergen, sie müssen die verlorenen und neuen Chancen behutsam ergreifen und sorgsam wieder in den Prozess einführen.

Damit das gelingt, darf der Mediator nicht im Vordergrund stehen, seine Arbeit ist vielmehr subtil. Es geht um die Schaffung einer echten Vertrauensbasis, auf der alle Beteiligten arbeiten können. Vertrauen und Zuversicht sind hierbei die Ziele, die der Mediator für sich in den Prozess einbringen muss. Wenn es gelingt, Vertrauen der Medianten zu gewinnen und die Zuversicht zu wecken, angeleitet durch das Verfahren die anstehenden Probleme einer Lösung zuzuführen, dann ist Mediation für alle Beteiligten ein Gewinn.

 

 

Haltung in der Mediation

Die Haltung des Mediators oder der Mediatorin wird gerne als ein zentrales Element bei dieser Form einer alternativen Konfliktbewältigung beschrieben. Doch was genau ist gemeint, wenn die Haltung angesprochen wird?

Gemeint ist hier weniger die Gesinnung, die der Meditator mit in diesen Prozess bringt, vielmehr geht es eher um die Einstellung, die diesem Prozess und seinen Beteiligten entgegengebracht wird. Von daher wäre das englische Wort „attitude“ auch angemessen.

An erster Stelle steht hier das Stichowort „Respekt“. Dabei geht es nicht darum, dass man als Mediator Respekt von den Medianten einfordert, sich also zum Herr des Verfahrens aufschwingt und den Ton angibt. Das ist eine Gefahrenquelle, die immer leicht dann zu sprudeln beginnt, wenn die Medianten schon mit dieser Erwartungshaltung ankommen, man möge ihren Konflikt lösen. Wie leicht nimmt man diese Ehre an – und verlangt dann den Respekt für die hieraus sich ergebende Autorität! Dabei ist es genau anders herum: Als Mediator muss man den Medianten allen Respekt entgegenbringen, schon allein deswegen, weil sie sich eigenverantwortlich ihrem Konflikt und dem Verfahren stellen. Eine wichtige Aufgabe für den Mediator ist hierbei, dafür zu sorgen, dass auch die Medianten miteinander respektvoll umgehen. Gerade in familiären Konflikten ist dies keine Selbstverständlichkeit. Die Einstellung des Mediators muss daher lauten, diese Haltung zu vermitteln, ein Quäntchen mehr Respekt dem Gegenüber aufzubringen, als man selbst für sich einzufordern gedenkt.

Gerade diese Haltung führt dazu, dass ein Grundstein dafür gelegt werden kann, die andere Partei in ihrer Ganzheit anzuerkennen und damit auch zuzulassen, dass grundsätzlich auch andere Sichtweisen auf die Konfliktstellung als die eigene erst einmal grundsätzlich möglich und denkbar sind. Wenn eine respektvolle Begegnun ermöglicht werden kann, dann ist diese Brücke zwischen den Gegensätzen aufgespannt. Damit ist natürlich weder gesagt noch verlangt, dass die andere Sicht auf die Dinge gutgeheißen werden müsste.

Damit einher geht auch die zweite Begrifflichkeit: nämlich die der „Wertschätzung“. Das ist etwas, das den Mediator permanent fordern muss: die Aufgabe, dass jeder Mediant in seiner eigenen Position, in der er sich im Konflikt befindet, erst einmal grundsätzlich wertgeschätzt werden muss. Das ist auch dann der Fall, wenn diese Position sich grundsätzlich von eigenen Grundeinstellungen unterscheidet. Das bedeutet, dass auch für auf den ersten Blick abwegig erscheinende Positionen und Interventionen diese wertgeschätzt sein wollen. Denn nur dann, wenn der Mediant für sich und seine Überzeugung Wertschätzung erfahren kann, kann er sich ernstgenommen fühlen und sich dem Prozess anvertrauen. Dabei muss er zweierlei lernen und erfahren: Erstens die Wertschätzung für sich und die eigene Position, die er einfordern kann und die dann auch entgegengebracht werden muss. Im Gegenzuge wird er aber auch die konträre Position wertschätzen müssen – denn nur so gelingt es, die Wertigkeit des eigenen Standpunktes in den Prozess einzuführen. Werde ich und meine Haltung wertgeschätzt und erstgenommen, dann muss ich das auch mit jener der anderen Konfliktpartei vornehmen. Dies ist unter Umständen schwierig – der Mediator muss hierbei also zeigen, dass er beide Medianten in ihren unterschiedlichen Positionen schätzt und ihnen die ihnen zukommende Wertschätzug zuteil kommen lässt. Die Erfahrung des Medianten, wertgeschätzt zu werden ist daher mindestens so wichtig wie die Erfahrung, mitzuerleben, dass auch der andere wertgeschätzt wird – und dass beide aufgefordert sind, selbiges ebenfalls zu tun.

Damit einher geht dann die weitere Forderung an den Mediator, nämlich über den Respekt und die Wertschätzung hinaus auch den Medianten als einen anderen Menschen in seiner Rolle in diesem Konflikt wahrzunehmen und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Den Medianten also in seiner besonderen Eigenart bei der Lösung seines Konfliktes zu unterstützen. Dabei gehört es zwingend dazu, dass die Fähigkeiten der Medianten, selbst den Konflikt zu bearbeiten und zu lösen, aufgespürt, erkannt und gefördert werden. Es sind gerade die in dem Konflikt gefangenen Kräfte, die durch die aktive Rolle des Mediators gefördert werden müssen. Die Konfliktlösungskompetenz liegt bei den Parteien des Konflikts, nicht beim Mediator. Diese Grundhaltung verlangt auf der einen Seite Zurückhaltung, auf der anderen Seite aber immer eine Portion an Zuversicht und Optimismus und fördernde Unterstützung. Diese Zurückhaltung öffnet erst den Weg dorthin, dass man sagen kann, Konflikte sind dazu da, gelöst zu werden. Negative Einflüsse können so nicht einfach nur weggewischt oder negiert werden, sie können auf der anderen Seite aber auch nicht dazu führen, dem Konflikt ungebremst seinen Lauf zu lassen.

Durch diese Haltung werden die Konfliktparteien in ihrer eigenen Kompetenz gestärkt, die konkret vorhandene Schwierigkeit zu erkennen, zu bearbeiten und einer Lösung zuzuführen.

Vielleicht tut sich dann eine Schwierigkeit an einer anderen Stelle auf – dann hat man das Lösungshandwerkszeug zur Hand – oder man schafft eine nachhaltige Befriedung der Situation. Damit ist zwar nicht gesagt und auch nicht gefordert, dass die vormaligen Konfliktparteien als nunmehr „beste Freunde“ auseinander gehen – aber das, was sich störend zwischen sie geschoben hat, ist abgearbeitet und erledigt und der Blick kann nach vorne gehen.

Wenn die Verhandlungen in der Sackgasse stecken – und wie man mit Mediation wieder herauskommen kann

Im Blog der Harvard Law School PON (Program of negotiation) ist ein lesenswerter Artikel erschienen, der sich an Konfliktparteien richtet, deren Verhandlungen – warum auch immer – in eine Sackgasse geraten sind.

Quelle: How Mediation Works When Both Parties Agree They Need Help Resolving the Dispute – PON – Program on Negotiation at Harvard Law School
In einem solchen Fall ist es ratsam, Hilfe von dritter Seite zu holen – weil ab einem solchen Punkt es auf jeder Seite darum gehen kann, „zu gewinnen“ – oder auch, ein etwaiges Scheitern der Verhandlungen nicht auf das eigene Verschulden zurückführen zu lassen. Solche Verhaltensweisen sind dann aber geeignet, die festgefahrenen Verhandlungen eher erhärten zu lassen, als eine Lösung herbeizuführen.

Wenn wir es mit einer solchen Situation zu tun haben, dann kann der Mediatior als allparteilicher Dritter das leisten, wozu die Parteien in diesem Moment nicht in der Lage sind: Eine Konfliktklärung vornehmen und gegebenenfalls mit den einzelnen Parteien zunächst vertrauliche Gespräche führen, von denen allenfalls das, was vereinbart wird, dann der Gegenseite mitgeteilt wird. So können behutsam Brücken gebaut werden und die hinter den Sachfragen stehenden Bedürfnisse geklärt werden.

Ein solches Vorgehen ist nicht nur bei Vertragsverhandlungen zwichen Wirtschaftsunternehmen angebracht, der Grundsatz, eine allparteiliche Stelle einzusetzen, die nicht als Schlichter oder Schiedsrichter fungiert, sondern die auf der Basis der wechselseitigen Bedürfnislagen mit den Parteien lösungsorientiert arbeitet, funktioniert auch im Kleinen: Sei es der Familienkonflikt bei Trennung oder Scheidung, bei einer Erbauseinandersetzung (auch schon zu Lebzeiten), einem Nachbarschaftsstreit oder sonstigen Konfliktlagen in der Arbeitswelt.

Entscheidend hierbei ist aber, dass der Klärung und Bearbeitung die Zeit eingeräumt wird, die es braucht, um die meist vielschichtigen Problemstellungen gründlich anzugehen.

 

Vergeben und Vergessen: Was hat es damit in der Mediation auf sich?

Ein lesenswerter Artiken befasst sich hier:

Quelle: Forgiving and Forgetting. How It Helps and Hinders Conflict Resolution

mit der Fragestellung, wie Vergeben und Vergessen sich auf den Konfliktlösungsprozess auswirken kann. Im Originaltitel treffend bezeichnet mit „How it helps and hinders“, zu deutsch also, wie diese Prozesse helfen können, wie sie aber auch der Konfliktlösung im Wege stehen.

Gerade in der Mediation geht es darum, den Konflikt auf vielen Ebenen zu bearbeiten und einer Lösung zuzuführen. Dazu gehört neben der reinen Sachebene auch die emotionale Seite eines Konfliktes. Gerade wenn es darum geht, dass persönliche Betroffenheiten der Lösung auf der Sachebene im Wege stehen könnte, ist es hilfreich, sich den Instrumenten des Vergebens und Vergessens zu widmen.

Dabei halte ich es aber für unbedingt erforderlich, dass geklärt wird, was und warum hier gegenseitig vergeben wird – und was und warum dann vereinbarterweise in Zukunft im Orkus landen soll. Nur eine tiefe und ernsthaft empfundene Vergebung kann die Wirkung entfalten, die benötigt wird, um die Blockade zu lösen. Zu dieser Vergebung gehören aber zwei: Eine Seite, die die Vergebung gewährt und die andere, die diese annimmt. Vergeben werden kann nur, was als Fehlverhalten empfunden werden konnte. Deswegen ist hier auch die Interaktion so wichtig: Die Konfliktklärung muss sich dieses Fehlverhaltens annehmen und ansprechen. Ein Verdrängen kann im Mediationsprozess nicht weiter helfen – es steht vielmehr zu befürchten, dass dieser ungeklärte Punkt (oder der zumindest nicht restlos ausgeräumte Punkt) an anderer Stelle unvermittelt und heftig wieder hervorbrechen kann.

Vergeben und Vergessen braucht also beide Seiten: Die die vergibt und die andere, die ihre Rolle hierbei einsieht und die entstandene Verletzung annimmt und Reue zeigt. Wenn das funktioniert, kann Mediation weit über eine rein auf der sachlichen Ebene geführten Auseinandersetzung zur nachhaltigen Befriedung eines Konfliktes beitragen.