Digitale Identitäten im Trennungs- und Scheidungskonflikt

Die Digitalisierung der Alltagswelt schafft auch neue Probleme in Trennungs- und Scheidungskonflikten. Die zunehmende Verlagerung sozialer Interaktionen ins Netz, nicht zuletzt auch durch die Corona-Krise befeuert, kann zu Verwerfungen führen, wenn es darum geht, ob, wie oder wer bislang gemeinsam genutzte Accounts weiter betreiben oder benutzen darf.

Scheinwerfer 92 – das Heft zur Bundestagswahl von Transparency International

Der Scheinwerfer mit der Nummer 92 ist erschienen, in print und auch online.

Transparency international hat pünktlich zur Bundestagswahl ein Schwerpunkt-Heft herausgebracht, das sich den Fragen von Partizipation und Transparenz von politischem Handeln widmet. Dabei werden nicht nur die Forderungen aus den Themenfeldern Politik, Verwaltung, Finanzen, Wirtschaft und Whistleblowing vorgestellt, sondern es wird auch die Programmatik der Parteien dagegen gehalten.

War da was?

Im Frühjahr dieses Jahres war die Empörung über Maskendeals und unlautere Geschäfte mit Corona-Testungen groß gewesen. Hat sich dies tatsächlich auf die politische Landschaft in Deutschland nachhaltig ausgewirkt? Ich durfte für das Heft einen Kommentar zu diesem Thema beisteuern.

In diesen Kontext passt auch meine Besprechung der Entscheidung des BGH zum so genannten Miesbacher Sparkassenskandal im gleichen Heft.

Viel Vergügen bei der Lektüre – und eine glückliche Hand bei der Wahl!

Mediation nach dem Erbfall

Wann kann eine Mediation nach einem Erbfall notwendig werden? Diese Frage stellt sich immer dann, wenn unterschiedliche Interessen aufeinander stoßen.

erben und vererben 02

Oftmals treffen sich hier unterhiedlich gelagerte Interessen von Erben, die ausgeglichen werden müssen. Daneben können durchaus auch andere Beteiligte eine gewichtige Rolle spielen.

Zu denken wäre hier beispielsweise an Vermächtnisnehmer:innen oder auch , Testamentsvollstrecker:innen.

Die Fokussierung auf die Interessen der beteiligten Parteien erlaubt es, im Ausgleichs- und Verhandlungswege Lösungen zu erarbeiten, die auch vom gesetzlichen Leitbild abweichen können. Voraussetzung hierfür ist nur, dass alle davon überzeugt sind, dass der gefundene Weg sach- und interessengerecht ist.

Soweit es um Daten und Informationen geht, die von Steuerberatern geliefert werden können, kann in der Mediation zusätzlich ein geschützter Raum geschaffen und gefunden werden, in dem nicht nur die Daten aufbereitet, sondern auch erläutert und diskutiert werden und mögliche Folgerungen hieraus abgeleitet werden. Das spielt insbesondere dann eine Rolle, wenn Firmenvermögen sich im Nachlass befindet und eine lebzeitige Regelung entweder nicht vorgenommen wurde oder sich als praktisch undurchführbar erweisen sollte.

Die Vorteile der Mediation nach einem Erbfall liegen also auf der Hand: Die Beteiligten reden miteinander und arbeiten vereint an einer interessengerechten Lösung und reden nicht übereinander und streiten sich vor Gericht.

Die Nachteile sind dagegen in einem guten Verfahrenssetting leicht abfederbar. Weil Mediation auf gegenseitigem Vertrauen basiert, dieses aber mitunter gestört sein kann, können Schutzmechanismen vorab vereinbart werden. Dann entscheidet nicht das Vertrauen in das Gegenüber, sondern das Vertrauen in die getroffene Vereinbarung über Erfolg oder Misserfolg. Ein Exit ist zwar jeder Partei jederzeit möglich, und damit auch die Möglichkeit des Scheiterns – weil aber jede Partei auch eine aktive Rolle im Verfahren einnimmt und bei dieser Gelegenheit die investierte Zeit nicht nur verloren sondern auch mit Kosten verbunden wäre, lässt sich diese Hürde in der Regel meistern.

„Früher war es besser!“ – Vom Umgang mit Erinnerungen in der Mediation

Ein Kernanliegen in der Mediation ist es, den Blick in die Zukunft zu richten und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. So zieht es sich durch alle Handreichungen, wenn es darum geht, Konflikte lösungsorientiert anzugehen.

rosy retrospection

Doch tatsächlich findet eine Bewertung von Zukunftsentscheidungen meist vor dem Hintergrund statt, dass Erfahrungswissen aus der Vergangenheit mit einfließt. Dabei ist zu beobachten, dass der aktuelle Konfliktin seiner Belastung überhöht, die „besseren Zeiten aus der Vergangenheit“ aber verklärter wahrgenommen werden.

Gerade bei Streitigkeiten mit einem hohen Anteil an Emotionalität, wie wir sie beispielsweise in familiären Kontexten wie Trennung und Scheidung oder Erbschaftsauseinandersetzungen kennen, oder aber auch bei Nachbarschafts- und Mieter:innen/Vermieter:innenstreitigkeiten geht es gerade um mehr als nur um die Sachfragen.

Da kann die Erinnerung, als der Konflikt noch nicht virulent war, zur Verklärung der Vergangenheit beitragen und eine Sehnsucht an die Zeit vor dem aktuellen Konflikt befördern.

Doch ist es tatsächlich so? Die Sehnsucht nach der Vergangenheit, in der angeblich alles besser war, kann eine trügerische sein. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen „Rosy retrospection bias“ – also eine Verzerrung, die durch die rosarote Brille bei der Rückschau entsteht.

Eine gute Darstellung dieses Phänomens findet sich hier:

Quelle: Rosy retrospection – Biases & Heuristics | The Decision Lab

Was hat dies nun mit Mediation zu tun? Eingangs findet sich ja die These, dass eine der Stärken dieser Konfliktlösungsmethode darin besteht, dass nicht zurück, sondern in die Zukunft gerichtet gearbeitet werden soll.

Gleichwohl droht auch hier diese Verzerrung mit dem verklärten Blick zurück: Denn wenn es darum geht, die Bedürfnisse zu ergründen und diese hinter den vertretenen Positionen im aktuellen Konflikt herauszuarbeiten, besteht die Gefahr, dass genau diese Verzerrungen die Bedürfnislage nicht unerheblich beeinflussen könnten. Dabei sprechen wir ja gerade deswegen von Verzerrungen, weil die Realität, die die Bedürfnisse mit prägen soll, in Wirklichkeit gar nicht so rosig war, wie angenommen.

Will man also bei der Konfliktklärung und der sich anschließenden Ermittlung der Bedürfnisse nicht durch eine rosa-bebrillte Rückschau auf unsicheres Terrain leiten lassen, hilft nur, die jeweiligen Aussagen zu den Punkten auch zu hinterfragen und abzusichern.

Hierbei zeigt es sich wiederum, dass Mediation als kommunikationsbasiertes Konfliktlösungsinstrument eben auch geeignet ist, Reflexion und Selbstreflexion kritisch und fundiert in den Lösungsprozess mit einzubringen und letztlich auch durch Hinterfragen von Positionen und Bedürfnissen dann den Blick nach vorne richten zu können.

Braucht der kriminalpolizeiliche Einsatz von V-Personen eine eigenständige gesetzliche Grundlage?

Dieser Frage gehen KK Alexander Gebhard und ich in einem Beitrag der aktuellen Kriminalistik (Heft 8/9, 2021) nach.

VP

Es geht hier um Privatpersonen, „die, ohne einer Strafverfolgungsbehörde anzugehören, bereit sind, diese bei der Aufklärung von Straftaten auf längere Zeit vertraulich zu unterstützen, und deren Identität grundsätzlich geheimgehalten
wird“, so die Definition im Abschnitt I 2.2 RiStBV Anlage D.

Eine solche Vertrauensperson ist zum Zeitpunkt ihres ersten Einsatzes oft bereits fest in das kriminelle Milieu integriert und unterscheidet sich von Informanten dadurch, dass sie mit konkretem Ermittlungsauftrag gezielt zur Informationsbeschaffung eingesetzt werden.

Wir vertreten in diesem Beitrag die Auffassung, dass es hier einer eigenständigen gesetzlichen Grundlage bedürfe und der bislang gewählte Weg über die bislang hierfür diskutierten Befugnisnormen ausnahmslos verfassungsrechtlich zumindest bedenklich ist.

Dabei sind wir uns der Problemstellungen, die sich aus der gebotenen gesetzlichen Einhegung der Befugnisse durchaus bewusst. Aufgrund der Eingriffstiefe in grundrechtlich geschützte Positionen der Betroffenen sehen wir aber die erforderliche Rechtfertigungshöhe derzeit nicht erreicht.

erben und vererben in der Mediation

Erbschaftsauseinandersetzungen gehören zu den Streitigkeiten, die ein hohes Potential an Emotionen mit sich bringen können. Auch die erbrechtlichen Folgen der familienrechtlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Weil die Formen des Zusammenlebens vielfältiger und bunter geworden sind, Trennungen und Scheidungen Brüche in Biographien das Leben von Erwachsenen und deren Kinder prägen, stellt sich auch die Frage, wie in einer konkreten Situation mit dem Tod umgegangen wird oder eben werden muss.

erben und vererben

Dabei sind zwei grundsätzliche Konstellationen zu unterscheiden: Nach dem Erbfall kann es darum gehen, eine Erbengemeinschaft sach- und interessengerecht auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite können Erblasser:innen möglichst „gerecht“ ihren Nachlass zu regeln. Aber auch dann ist es wichtig, die unterschiedlichen Interessenlagen hinreichend zu berücksichtigen und dann entsprechende abzubilden.

Die mit hohem persönlichen Einsatz geführten Auseinandersetzungen nach dem Erbfall zeigen, wie wichtig es sein kann, die Konflikte in einem vereinbarten Verfahren zu klären. Dabei bietet sich die Mediation als alternatives Konfliktbearbeitungsinstrument förmlich an: Letztendlich geht es bei einer Erbauseinandersetzung nicht nur darum, „sein Recht“ durchzusetzen, sondern die Interessen, die meist im erlebten familiären Kontext begründet sind und gegebenenfalls auch auf Brüchen in den Biographien begründet sind, liegen können.

Aber auch die Gestaltung von – dann idealerweise erbvertraglich zu lösenden – Regelungen kann durch Mediation erfolgreich gemeistert werden. Denn die Interessen der Erblasser können – aber müssen sich nicht mit denen der Erben teilen, Verteilungsregelungen können so schon verbindlich getroffen werden. Insbesondere, wenn es darum geht, dass dann auch lebzeitige Übertragen erfolgen können oder sollen, wenn Anrechnungen auf das Erbe stattfinden sollen oder vieles mehr, ist es von Vorteil, wenn die Erben mit der gefundenen Regelung auch eine umsetzungsfähige Lösung in Händen halten. Dabei können auch solche Fragen, die angesichts der Fragen um das Alter und die etwaige Pflege im Raume stehen, angesprochen und gelöst werden. Hinzu kommen auch solche Themen, die nur mittelbar damit zusammenhängen, aber tatsächlich zumindest in einem logischen Kontext zu sehen sind: Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung oder auch Bestattungsverfügungen gehören in diesen Zusammenhang.

Nicht zuletzt soll auch der Aspekt, dass der Tod eines Menschen immer auch eine besondere emotionale Lage hervorruft, die von Trauer und Schmerz geprägt sein kann und in der der Verlust und die Verarbeitung dieses Todes eine wichtige Rolle einnehmen kann. Emotionalität kann dabei durchaus der Rationalität im Wege stehen. Deswegen ist es nicht nur angeraten, sondern auch konfliktlösend, wenn diese Fragen idealerweise schon zu Lebzeiten angesprochen werden und geklärt werden.

Der Streit und das Gefühl des Unrechts

Goethe mal wieder – könnte man sagen. Von ihm stammt nämlich folgendes Zitat:

Sie glauben, miteinander zu streiten,
Und fühlen das Unrecht von beiden Seiten.

Goethe

Damit beschreibt er eine Situation, der man in der Mediation häufig begegnen kann. Beide Konfliktparteien tragen ein Unbehagen in sich, weil sich ihr Verständnis davon, was recht – oder besser – gerecht wäre, davon unterscheidet, wie sie den Sachverhalt wahrnehmen und erleben.

streiten unrecht

Sie fühlen das Unrecht von beiden Seiten – die unterschiedliche Sicht auf die Dinge macht dieses Gefühl letztlich aus. Dann aber ist es angezeigt, dieses Fühlen von beiden Seiten auch den beiden Kontrahent:innen zugänglich zu machen. Wie kann das gehen?

In der Mediation wird ein großer Wert auf die Klärung des Konflikts gelöst – der Streit, das miteinander streiten, um beim Worte Goethes zu bleiben, ist schon das kommunikative Miteinander, das letztlich zur Lösung des Konfliktes führen kann. Diese Konfliktklärung findet dergestalt statt, dass nicht nur jede Partei ihre Sicht auf die Dinge äußert – also das selbst gefühlte Unrecht kund tut, sondern dass eine Beziehung hergestellt wird, wonach jede Partei zumindest nachvollziehen kann, warum die andere Seite hier ein Unrecht empfinden kann. Das ist ein nicht ganz einfacher, mitunter sogar anstrengender oder schmerzhaft zu empfindender Prozess innerhalb des Mediationsverfahrens. Das ist aber deswegen so wichtig, weil hier der Grundstock dafür gelegt wird, dann die einzelnen Bedürfnisse, die als Antworten auf das empfundene Unrecht verstanden werden können, herausgearbeitet werden können. Das wiederum erst ist die Grundlage für eine lösungsorientierte Kommunikation und einem erfolgreichen Abschluss der Mediation insgesamt.

Eine kleine Geschichte des Datenschutzes – weltliche Begehrlichkeiten und Beichtgeheimnis

Wir haben uns ja in der vergangenen Folge mit den historischen Wurzeln des Beichtgeheimnisses befasst und herausgearbeitet, dass die Regelungen des 4. Laterankonzils sich als notwendige Folge dessen ergeben mussten, dass die Gläubigen ihrerseits um ihres Seelenheiles willen angehalten wurden, ihr normabweichendes Verhalten nicht nur zu reflektieren, sondern zu bereuen und einer hierfür zuständigen Instanz – nämlich dem Priester mitzuteilen.

Eine kleine Geschichte des Datenschutzes

Dieser wiederum war gehalten, sich des Menschen anzunehmen, Hintergründe zu erfragen und eine adäquate und individuell passende Buße aufzuerlegen. In der Zusammenschau mit der Aufforderung an die Ärzte, die gesundheitlichen Auswirkungen von Fehlverhalten als solche zu begreifen und nicht nur an den Symptomen zu arbeiten, erkennt man eine für das Hochmittelalter erstaunlich moderne Sicht auf die psychische und physische Verfasstheit der Menschen.

Kenntnis von Information macht jedoch begehrlich und so musste das Konzil zu den härtesten Maßnahmen greifen, die innerhalb des kirchlichen Dogmengebäudes möglich waren, um diese Informationen bestmöglich zu schützen. Es darf hierbei ja nicht vergessen werden, dass das ganze System von der Grundvorausetzung ausgeht, dass es eine göttliche Macht gibt, der alleine die Allmacht zur ewigen Vergebung oder Verdammnis zusteht und die über die weltlichen Möglichkeiten hinausgehen kann. Deswegen kann der Schutz nur innerhalb dieses Systems gewährleistet werden. Dabei waren die angedrohten Strafen im Sinne einer – auch erst Jahrhunderte später durch Feuerbach formulierten – negativen Generalprävention ein wirksames Instrument.

Die Begehrlichkeiten insbesondere weltlicher Organe in Bezug auf diese Informationen liegen auf der Hand. Exemplarisch seien hier verschiedene Personen genannt, die sich diesen Begehrlichkeiten widersetzt haben. Neben dem Brückenheiligen St. Johannes Nepomuk, dessen Heiligenlegende erzählt, er sei deswegen in der Moldau ertränkt worden, weil er gegenüber dem König verschwiegen blieb und den Inhalt des Beichtgesprächs mit der Königin nicht offenbarte, ist an dieser Stelle zunächst Henry Garnet zu nennen.

Dessen Geschichte zeigt, dass es dabei eben auch um hochbrisante und politisch prekäre Situationen gehen kann. In seinem Falle war es die Kenntnis über ein Attentat – nämlich dem Gunpowder Plot – einem Versuch britischer Katholiken, während der Parlamentseröffnung am 5. November 1605 den protestantischen König von England, Jakob I., seine Familie, die Regierung und alle Parlamentarier zu töten, die ihn als Mitwisser erst eine Anklage und dann Todesurteil und Hinrichtung einbrachte.

Jan Sarkander geriet zu Beginn des 30-jährigen Krieges in die politischen Mühlen der katholischen und protestantischen Interessen – oder genauer gesagt: der dahinter stehenden weltlichen Mächte. Auch hier sollten Kenntnisse aus der Beichte für politische Zwecke zur Kenntnis gebracht werden. Jan Sarkander wurde 1620 für seine Verschwiegenheit zu Tode gefoltert.

Andreas Faulhaber wiederum wurde auf Befehl König Friedrichs II in Preussen hingerichtet. Hier trafen die Interessen des aufgeklärten absolutistischen Herrschers auf das Beichtgeheimnis: Auch hier waren es letztlich militärische Interessen des Staates, die für die Verurteilung den Ausschlag gegeben haben. Die Sicherung der Macht in den eroberten Gebieten stand dabei im Vordergrund.

Für das 20. Jahrhundert ist Kaplan Josef Wehrle bezeugt, der im Zusammenhang mit dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 vom Volksgerichtshof-Richter Freisler zum Tode verurteilt worden war. Grund der Verurteilung war das Gnadengesuchs eines anderen,nämlich des Offiziers Ludwig Freiherr von Leonrod. Dieser hatte seinerseits zu seiner Entlastung angegeben, in der Beichte bei Kaplan Wehrle sich über die Sündhaftigkeit der Vorbereitung eines Attentates ausgetauscht zu haben. Es steht anzunehmen, dass dieses – vergebliche – Entlastungsgesuch seinerseits unter Folter erpresst worden war, um weitere Mitwissende in Erfahrung zu bringen.

Die Wichtigkeit des Beichtgeheimnisses lässt also anhand dieser Beispiele erkennen, dass, wenn es um Machtausübung und Machtansprüche von Obrigkeiten geht, die Gefahr besteht, dass solche sensiblen personenbezogenen Daten zur Durchsetzung eigener Ansprüche genutzt werden können sollen. Damit ist der Schutz dieser Geheimnisse und der damit verbundenen Menschen – also nach unserer Lesart der personenbezogenen Inhaltsdaten und der Umstandsdaten sowie Namen, Anschriften etc. ebenso wie der Betroffenen selbst – essentiell für das Funktionieren des Austausches zu sensiblen Themen.

Es geht in allen Fällen nicht darum, ob die Betroffenen „auf der richtigen Seite“ standen oder nicht – sondern darum, dass weltliche Macht (in den frühen Phasen vermag man noch nicht von Staat zu sprechen) an Informationen kommen will, die nicht nur nicht öffentlich verhandelt wurden, sondern darüber hinaus auch im religiösen Kontext eine besondere Stellung einnehmen.

Für heutige Fragen nach Datenschutz und Datensicherheit geht es natürlich auch darum, welchen Stellenwert – anders als wie im Hochmittelalter – dieser Austausch zwischen Geistlichen und Gläubigen in einer ansonsten säkularen Welt beanspruchen können. Eine Lehre ist aber auch, dass der Austausch von Informationen und die Reflexion über normabweichendes Verhalten in einem geschützten Raum möglich sein muss. Denn so, wie bereits das 4. Laterankonzil es herausgestellt hat, geht es nicht nur ums Seelenheil, sondern auf die Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit insgesamt. Vor diesem Hintergrund erscheinen Begehrlichkeiten für Zugriffe von staatlichen Institutionen auf personenbezogene Daten in einem besonderen Licht. Die Einhegung dieser Begehrlichkeiten ist daher im liberalen Rechtsstaat verfassungsmäßig geboten. Das Beichtgeheimnis kann daher zu Recht auch nach über 800 Jahren wechselvoller Geschichte seinen Platz zum Schutze der Menschen und ihrer Geheimnisse beanspruchen.

Confirmation Bias und Mediation- oder warum Hinterfragen wichtig ist

Es kann durchaus vorkommen, dass Mediationsverfahren, die erwartungsvoll gestartet sind, in einer Sackgasse enden oder das gefundene Ergebnis nicht die erhoffte win-win-Situation zeitigt.

confirmation bias

Ein Grund, warum das so sein kann liegt nicht darin, dass Mediation viel verspricht und wenig hält, wie gelegentlich zu vernehmen ist. Vielmehr können Wahrnehmungsverzerrungen oder cognitive biasses dazu geführt haben, dass sich die Mediant:innen mit bestem Wissen und Gewissen auf einen Holzweg haben leiten lassen.

Eine wesentliche Wahrnehmungsverzerrung in diesem Zusammenhang ist Confirmation Bias – auch Bestätigungsfehler genannt. Was hat es damit auf sich? Informationen werden selektiv wahrgenommen und so ausgewählt und interpretiert, dass diese den eigenen (Wunsch-)Vorstellungen am ehesten entsprechen.

Peter Wason hat in den 60er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts dieses Phänomen erforscht. Instruktiv dazu ist sein Aufsatz „Reasoning about a rule“ der im Quarterly Journal of Experimental Psychology, Band 20, 1968 erschienen war.

Demnach entsteht ein Bestätigungsfehler immer dann, wenn Annahmen in das eigene Bild sich am Besten einfügen lassen – also der eigene Standpunkt bestätigt wird. Das führt dann zu einer Verzerrung, wenn die Grundannahme selbst auf einem Fehler beruht. Das können zum Beispiel Vorurteile oder Werturteile sein, auf die aufgebaut wird.

Auch im Mediationsprozess können also die Mediant:innen dann solchen Bestätigungsfehlern aufsitzen. Den Gegenentwurf zur Annahme und Vertiefung eigener Standpunkte liefert der Ansatz von Karl Popper mit der Theorie der Falsifikation. Demnach kommt es nicht darauf an, die eigene Sichtweise bestätigt zu bekommen – und mit einem „voilà!“ zu triumphieren, sondern darauf, dass es keine Alternativen gibt, die diese Sichtweise widerlegen.

Das ist also die große Herausforderung in der Mediation: Das Hinterfragen nicht nur von Positionen, sondern auch die kritische Herangehensweise an die Bedürfnisse und die hieraus ableitbaren Lösungsansätze. Dabei kommt es entscheidend darauf an, dass eben nicht nach Bestätigungen für die Richtigkeit gesucht wird, sondern eben gleichermaßen und vertiefend die Alternativen entgegengehalten werden können.

Ein eindrückliches und durchaus tragisches Beispiel für ein confirmation bias ist das Schicksal von Alfred Dreyfus. Die nach ihm benannte Affäre zeigt, wie sehr ein vorgefertigtes Bild zu bestätigen versuchte. Grundannahme war, dass sein muss, was sein kann und kein Zweifel daran bestand, dass es so sein konnte wie es schien. Erst der Artikel von Emile Zola „J’accuse“ vermochte eine Wende einzuleiten. History Today hat eine lesens- und bedenkenswerte Zusammenfassung veröffentlicht:

Quelle: The Dreyfus Affair | History Today

Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Gerade in der Mediation bietet das Hinterfragen von Positionen und Bedürfnissen die Gelegenheit, der Gefahr einer Bestätigungsverzerrung zu vermeiden.

Mediation ist doch auch nur ein Vergleich – oder`?

“Does mediation mean settlement?”- Diese Frage stellt die ADR Times und gibt gleich nicht nur die passende Antwort darauf, sondern erklärt bei dieser Gelegenheit auch noch die Besonderheiten des Mediationsverfahrens.

Quelle: Does Mediation Mean Settlement? – ADR Times

Ausgleich

Die Herangehensweisen sind bei Vergleichsverhandlungen und bei einer Mediation höchst unterschiedlich. Das führt dazu, dass sich auch die Ergebnisse in Details unterscheiden, gleich, ob wir es mit einer Mediation im familiären, nachbarschaftlichen, beruflichen oder geschäftlichen Kontext zu tun haben. Das gilt auch für den Bereich der Mediation im Rahmen öffentlich-rechtlicher Verfahren.

Beiden Arten ist gemeinsam, dass am Ende ein Ausgleich stehen wird – von rechtlich gesicherten Positionen und Unwägbarkeiten in verfahrensrechtlicher Hinsicht auf Seiten des Vergleichs – und von Bedürfnissen auf Seiten der Mediation.

Tatsächlich ist die Mediation das Verfahren, bei dem sich die Mediant:innen von rechtlichen Positionen erst einmal lösen müssen. Die Frage geht danach, welche Bedürfnisse dahinter stehen, dass es überhaupt zu einer Konfliktsituation kommen konnte. Die wechselseitigen Positionen, die gegebenenfalls rechtlich abgesichert werden, sind nur die Spitzen des Eisberges. Die individuellen Bedürfnisse liegen, wie in der Natur – tatsächlich verborgen und müssen erst im Rahmen einer Konfliktklärung gefunden werden.

Eine Vergleichsverhandlung wägt nun die rechtlich gesicherten und rechtlich ungesicherten Positionen ab, gewichtet diese mit Gewinn- und Verlustrisiken und gleicht diese am Ende aus. Das führt zu dem allseits bekannten Sprichwort, dass ein Vergleich dann ein guter sein müsse, wenn alle am Ende gleichermaßen mit dem Ergebnis unzufrieden wären. Wäre die Gegenseite sichtlich zufrieden, habe man selbst nämlich zu viel nachgegeben. Ein Vergleich ist daher ein Ausgleich auf Basis der wechselseitigen Verlust-Minimierung.

Mediation hingegen arbeitet aus der Bedürfnisebene heraus und versucht, hier Gemeinsamkeiten und gemeinsame Interessenslagen zu erkennen, von denen aus Lösungsoptionen herausgearbeitet werden können. Die Verankerung an den Gemeinsamkeiten anstatt am Trennenden führt dann idealerweise dazu, dass der gefundene Ausgleich eine win-win-Situation für alle Beteiligten herbeiführen kann.

Mediation doesn’t mean settlement – das ist also das Ergebnis. Gleichwohl ist der zitierte Artikel durchaus lesens- und bemerkenswert.

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